Wer die politische Lage in Hessen einordnen will, muss drei Dinge auseinanderhalten: das amtliche Wahlergebnis von 2023, die aktuelle Stimmung in den Umfragen und den regulären Wahltermin. Ich zeige, wie das hessische Wahlsystem funktioniert, welche Parteien derzeit vorne liegen und warum sich aus einer Sonntagsfrage noch keine sichere Regierungsmehrheit ableiten lässt.
Die wichtigsten Fakten zur politischen Lage in Hessen
- Nächster regulärer Wahlzeitraum: voraussichtlich Herbst 2028.
- Letzte Landtagswahl: Am 8. Oktober 2023 wurde die CDU mit 34,6 Prozent stärkste Kraft.
- Regierung: CDU und SPD bilden unter Ministerpräsident Boris Rhein eine Koalition.
- Neueste ausgewiesene Umfrage: CDU 30 Prozent, AfD 22 Prozent, SPD 15 Prozent und Grüne 13 Prozent.
- Wichtig bei Umfragen: Sie messen politische Stimmung, sind aber keine Wahlergebnisse.

Was die Landtagswahl in Hessen von einer Bundestagswahl unterscheidet
Der Hessische Landtag ist das Landesparlament. Er beschließt unter anderem Landesgesetze, kontrolliert die Regierung und wählt den Ministerpräsidenten. Für viele Menschen klingt das abstrakt, tatsächlich geht es dabei um Themen wie Schulen, Polizei, Verkehr, Hochschulen und Verwaltung.
In Hessen haben Wahlberechtigte zwei Stimmen. Mit der Wahlkreisstimme wird eine konkrete Person im eigenen Wahlkreis gewählt. Die Landesstimme entscheidet vor allem über die Kräfteverhältnisse im Parlament und damit darüber, wie viele Sitze einer Partei zustehen.
Der Landtag besteht regulär aus 110 Sitzen. Davon werden 55 Abgeordnete direkt in Wahlkreisen gewählt, weitere 55 kommen über Landeslisten ins Parlament. Durch Überhang- und Ausgleichsmandate kann der Landtag allerdings deutlich größer werden. Nach der Wahl 2023 umfasste er 133 Abgeordnete.
Für die Sitzverteilung gilt grundsätzlich die Fünf-Prozent-Hürde. Parteien müssen also mindestens fünf Prozent der Landesstimmen erreichen, um in Fraktionsstärke berücksichtigt zu werden. Genau deshalb können wenige Prozentpunkte am Wahltag entscheidend sein, besonders wenn mehrere Parteien nahe an dieser Grenze liegen.
Was das Ergebnis von 2023 über Hessen verrät
Die Wahl vom 8. Oktober 2023 brachte einen deutlichen Erfolg für die CDU. Gleichzeitig verloren SPD und Grüne spürbar, während die AfD ihr bis dahin stärkstes Ergebnis bei einer hessischen Landtagswahl erzielte. Die FDP blieb knapp über der Fünf-Prozent-Hürde, die Linke scheiterte an ihr.
| Partei | Landesstimmen 2023 | Sitze |
|---|---|---|
| CDU | 34,6 Prozent | 52 |
| AfD | 18,4 Prozent | 28 |
| SPD | 15,1 Prozent | 23 |
| Grüne | 14,8 Prozent | 22 |
| FDP | 5,0 Prozent | 8 |
| Linke | 3,1 Prozent | 0 |
Die Zahlen zeigen, warum das Ergebnis politisch mehr bedeutete als nur einen Wechsel an der Spitze. Die CDU gewann gegenüber 2018 deutlich hinzu, während die Grünen sieben Sitze verloren. Für die SPD war das Resultat ebenfalls ein Rückschlag, trotzdem blieb sie stark genug, um gemeinsam mit der CDU eine Regierungsmehrheit zu bilden.
Die amtliche Übersicht von Hessen Wahlen weist für 2023 eine Wahlbeteiligung von 66,0 Prozent aus. Das war weniger als 2018, als 67,3 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgaben. Für mich ist diese Differenz kein Nebendetail, denn eine niedrigere Beteiligung kann regionale und soziale Unterschiede im Wahlergebnis verstärken.
Wie die aktuellen Umfragen einzuordnen sind
Die derzeit letzte in den verfügbaren Übersichten ausgewiesene landesweite Befragung stammt von INSA und wurde am 29. April 2026 veröffentlicht. Befragt wurden 1.000 Wahlberechtigte. Das Ergebnis zeigt die CDU weiterhin klar vorne, zugleich liegt die AfD deutlich über ihrem Ergebnis von 2023.
| Partei | Umfrage 2026 | Ergebnis 2023 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| CDU | 30 Prozent | 34,6 Prozent | -4,6 Punkte |
| AfD | 22 Prozent | 18,4 Prozent | +3,6 Punkte |
| SPD | 15 Prozent | 15,1 Prozent | -0,1 Punkte |
| Grüne | 13 Prozent | 14,8 Prozent | -1,8 Punkte |
| Linke | 7 Prozent | 3,1 Prozent | +3,9 Punkte |
| Freie Wähler | 4 Prozent | 3,5 Prozent | +0,5 Punkte |
| FDP | 3 Prozent | 5,0 Prozent | -2,0 Punkte |
Die wichtigste Aussage lautet nicht, dass eine Partei bereits gewonnen hätte. Sie lautet, dass sich die politische Ausgangslage verschoben hat. Die CDU bleibt stärkste Kraft, aber ihr Vorsprung ist kleiner als beim tatsächlichen Wahlergebnis. Die AfD liegt bei der Sonntagsfrage auf Platz zwei, während SPD und Grüne um ihre frühere Stärke kämpfen.
Eine Sonntagsfrage ist eine Momentaufnahme. Sie zeigt, wie Menschen antworten, wenn am kommenden Sonntag gewählt würde. Zwischen einer Befragung und dem tatsächlichen Wahltag können sich politische Ereignisse, Kandidaten, Themen und Koalitionsaussichten stark verändern.
Bei einer Stichprobe von 1.000 Personen sind Abweichungen von mehreren Prozentpunkten möglich. Deshalb sollte man kleine Unterschiede nicht überbewerten. Wenn eine Partei bei 30 Prozent und eine andere bei 29 Prozent liegt, ist das kein belastbarer Vorsprung, sondern zunächst ein Signal innerhalb der statistischen Unsicherheit.
Welche Themen den nächsten Wahlkampf prägen dürften
In Hessen wird der Wahlkampf vermutlich nicht nur über Bundespolitik geführt. Landespolitisch besonders relevant sind Bildung, Wohnkosten, Verkehr und innere Sicherheit. Dazu kommen die wirtschaftliche Entwicklung des Rhein-Main-Gebiets und die Frage, wie ländliche Regionen besser angebunden werden können.
Bildung und Lehrkräfte
Schulqualität ist ein Thema, das fast jede Familie direkt betrifft. Entscheidend sind nicht nur neue Gebäude, sondern auch ausreichend Lehrkräfte, verlässlicher Unterricht und der Umgang mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen. Parteien müssen hier zeigen, wie ihre Versprechen finanziert und praktisch umgesetzt werden sollen.
Wohnen und Infrastruktur
Zwischen Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt und Kassel unterscheiden sich die Probleme deutlich. In den Ballungsräumen geht es vor allem um bezahlbaren Wohnraum, im ländlichen Raum häufiger um Busverbindungen, medizinische Versorgung und digitale Infrastruktur. Ein Wahlprogramm, das beide Perspektiven über einen Kamm schert, wird der Realität Hessens kaum gerecht.
Sicherheit und Migration
Diese Themen mobilisieren viele Wähler, werden aber oft stark emotionalisiert. Ich halte es für sinnvoll, genau hinzusehen, welche Maßnahmen tatsächlich in Landeskompetenz liegen. Polizei und Justiz sind wichtige Landesaufgaben, während viele Fragen der Asyl- und Aufenthaltsgesetzgebung auf Bundes- oder europäischer Ebene entschieden werden.
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Wirtschaft und Energie
Hessen ist ein bedeutender Wirtschafts- und Finanzstandort. Gleichzeitig stehen Unternehmen, Kommunen und Haushalte unter Kostendruck. Die entscheidende Frage wird deshalb sein, ob Parteien eine Verbindung zwischen Wettbewerbsfähigkeit, Klimaschutz und verlässlicher Energieversorgung glaubwürdig erklären können.
Was bis zum Wahltermin 2028 offen bleibt
Die Wahlperiode des Hessischen Landtags dauert fünf Jahre. Nach der konstituierenden Sitzung am 18. Januar 2024 ist die nächste reguläre Wahl daher für den Herbst 2028 zu erwarten. Der genaue Termin wird erst offiziell festgelegt und kann nicht einfach aus einer Umfrage abgelesen werden.
Bis dahin kann sich die Parteienlandschaft weiter verändern. Neue Bündnisse, innerparteiliche Konflikte oder ein Wechsel bei Spitzenkandidaten wirken sich oft stärker aus als ein einzelner Umfragewert. Auch die Frage, welche Koalitionen nach der Wahl realistisch erscheinen, wird für viele Wähler wichtiger werden.
Das aktuelle Zahlenbild würde mehrere rechnerische Bündnisse ermöglichen, sagt aber noch nichts über deren politische Wahrscheinlichkeit aus. Eine Mehrheit im Parlament ist nur der erste Schritt. Parteien müssen zusätzlich gemeinsame Inhalte finden und bereit sein, Verantwortung in einer Koalition zu übernehmen.
Bei der Beobachtung der nächsten Umfragen rate ich deshalb zu drei einfachen Regeln. Erstens sollte man auf Trends über mehrere Befragungen achten. Zweitens sollte man die Fehlertoleranz berücksichtigen. Drittens sollte man Umfragewerte immer mit dem Wahlsystem und der möglichen Sitzverteilung verbinden, statt nur die Prozentzahlen zu vergleichen.
Was die Zahlen heute schon erkennen lassen
Die politische Lage in Hessen ist derzeit durch eine klare Führung der CDU, eine starke AfD und ein enges Mittelfeld geprägt. Das Ergebnis von 2023 bleibt der wichtigste feste Bezugspunkt, während die Umfragen von 2026 lediglich zeigen, wohin sich die Stimmung bewegen könnte.
Wer die nächste Wahl sachlich beurteilen möchte, sollte daher nicht nur fragen, welche Partei vorne liegt. Entscheidend sind auch die Fünf-Prozent-Hürde, mögliche Koalitionen, regionale Unterschiede und die Glaubwürdigkeit der Spitzenkandidaten. Erst diese Faktoren zusammen ergeben ein realistisches Bild davon, wie Hessen nach der nächsten Landtagswahl regiert werden könnte.
