Wer die heutigen Spannungen zwischen Russland, der Ukraine und Europa verstehen will, kommt an der Vergangenheit nicht vorbei. Die Geschichte der Ukraine reicht von der Kiewer Rus über Kosaken, Imperien und sowjetische Herrschaft bis zur unabhängigen Republik und dem Krieg seit 2014. Ich ordne die wichtigsten Wendepunkte ein und zeige, warum sie für die internationale Politik bis heute eine so große Rolle spielen.
Die entscheidenden Linien reichen vom mittelalterlichen Kyjiw bis zum Krieg in Europa
- Kyjiw war im Mittelalter das Zentrum der Kiewer Rus, nicht der heutige Nationalstaat Ukraine.
- Jahrhunderte fremder Herrschaft prägten die politischen, sprachlichen und religiösen Unterschiede innerhalb des Landes.
- Die Hungersnot von 1932 und 1933, der Zweite Weltkrieg und die sowjetische Repression gehören zu den tiefsten Einschnitten.
- Die Ukraine erklärte am 24. August 1991 ihre Unabhängigkeit, die in einem Referendum breite Zustimmung erhielt.
- Seit 2014 und besonders seit dem russischen Großangriff am 24. Februar 2022 ist ihre Geschichte eng mit der europäischen Sicherheitsordnung verbunden.
Von der Kiewer Rus zur geteilten Grenzregion
Die mittelalterliche Kiewer Rus entstand im 9. Jahrhundert und entwickelte sich zu einem Herrschaftsverband mit Kyjiw als politischem und religiösem Zentrum. Unter Fürst Wolodymyr wurde das Christentum im Jahr 988 zur prägenden Religion. Dieses Ereignis wirkt bis heute nach, weil sich sowohl die ukrainische als auch die russische Geschichtsschreibung auf diese Epoche berufen.
Man sollte die Kiewer Rus allerdings nicht einfach mit der heutigen Ukraine oder mit Russland gleichsetzen. Moderne Nationalstaaten gab es damals noch nicht. Die Bevölkerung, Herrschaftsgebiete und Sprachen entwickelten sich über Jahrhunderte weiter. Gerade diese Unterscheidung wird in politischen Debatten oft verwischt.
Nach der mongolischen Eroberung Kyjiws im Jahr 1240 zerfiel die politische Einheit. Ukrainische Gebiete gerieten unter den Einfluss der Goldenen Horde, des Großfürstentums Litauen, Polens und später der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Im Süden spielte außerdem das Krim-Khanat eine wichtige Rolle.
Der Name Ukraine taucht bereits im Mittelalter in schriftlichen Quellen auf. Er bezeichnete zunächst eher eine Region oder ein Grenzland als einen klar abgegrenzten Staat. Aus meiner Sicht ist genau das ein wichtiger Ausgangspunkt: Die ukrainische Geschichte ist keine geradlinige Staatsgeschichte, sondern eine Geschichte wechselnder Herrschaft, regionaler Identitäten und politischer Selbstbehauptung.
Kosaken, Imperien und die Entstehung nationaler Politik
Im 16. und 17. Jahrhundert gewannen die kosakischen Gemeinschaften am Dnjepr an Bedeutung. Sie waren militärisch organisiert, verteidigten die südlichen Grenzräume und entwickelten eigene politische Traditionen. Der Aufstand unter Bohdan Chmelnyzkyj ab 1648 richtete sich gegen die polnische Herrschaft und führte zur Entstehung des Kosaken-Hetmanats.
Das Abkommen von Perejaslaw aus dem Jahr 1654 wird bis heute unterschiedlich bewertet. Es brachte Teile des Kosaken-Hetmanats in ein enges Verhältnis zum Moskauer Zarenreich, war aber aus ukrainischer Sicht kein einfacher freiwilliger Beitritt zu Russland im modernen Sinn. Die anschließende Entwicklung führte zu wachsender russischer Kontrolle und zur politischen Teilung ukrainischer Gebiete.
Mit den Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts wurde der größte Teil der heutigen Ukraine in das Russische Reich eingegliedert. Westliche Regionen wie Galizien kamen dagegen zur Habsburgermonarchie. Diese unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen beeinflussten Verwaltung, Bildung, Religionsleben und die Entwicklung eines ukrainischen Nationalbewusstseins.
Im Russischen Reich war die ukrainische Sprache wiederholt Einschränkungen ausgesetzt. Der Valuew-Erlass von 1863 und der Ems-Ukas von 1876 begrenzten den Druck ukrainischer Bücher und den öffentlichen Gebrauch der Sprache. In Galizien waren ukrainische Vereine und Bildungsinitiativen eher möglich. Daraus entstanden regionale Unterschiede, die später oft fälschlich als grundsätzlicher Gegensatz zwischen „russischer“ und „ukrainischer“ Bevölkerung beschrieben wurden.
Im 19. Jahrhundert formierte sich eine moderne ukrainische Nationalbewegung. Schriftsteller wie Taras Schewtschenko verbanden Sprache, soziale Kritik und historische Erinnerung. Nationalität entstand dabei nicht plötzlich, sondern wuchs aus Literatur, Vereinen, Schulen, Kirchen und politischen Organisationen.
Revolution, Holodomor und sowjetische Herrschaft
Die Revolution von 1917 eröffnete der Ukraine die Möglichkeit, politische Eigenständigkeit zu gewinnen. Die Ukrainische Zentralrada rief zunächst Autonomie und später die Ukrainische Volksrepublik aus. Zwischen 1917 und 1921 wechselten jedoch Regierungen, Bündnisse und Fronten mehrfach. Bolschewistische Truppen, weiße Verbände, polnische Streitkräfte und ukrainische Einheiten kämpften um die Kontrolle des Landes.
Am Ende setzte sich die bolschewistische Herrschaft durch. Die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik wurde 1922 Teil der Sowjetunion. In den 1920er Jahren erlaubte Moskau zeitweise eine Politik der Ukrainisierung, doch diese Öffnung wurde bald beendet. Intellektuelle, Geistliche und politische Gegner wurden verfolgt, verhaftet oder hingerichtet.
Der schlimmste Einschnitt war die durch Zwangskollektivierung, Getreidekonfiskationen und staatliche Repression ausgelöste Hungersnot von 1932 und 1933. Der Holodomor kostete mehrere Millionen Menschen das Leben. Die genaue Opferzahl lässt sich nicht mit letzter Sicherheit bestimmen, doch die gezielte politische Verantwortung der sowjetischen Führung und die besondere Härte gegenüber der ukrainischen Landbevölkerung sind historisch gut dokumentiert.
Der Zweite Weltkrieg brachte eine weitere Katastrophe. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 folgten Besatzung, Massenmord, Zwangsarbeit und die nahezu vollständige Vernichtung jüdischer Gemeinden. Gleichzeitig kämpften ukrainische Nationalisten, sowjetische Partisanen und andere bewaffnete Gruppen mit unterschiedlichen Zielen. Eine vereinfachte Erzählung von „Befreiung“ oder „Kollaboration“ wird dieser widersprüchlichen Realität nicht gerecht.
Nach 1945 wurde die sowjetische Kontrolle über die westlichen Gebiete gefestigt. Die Krim wurde 1954 innerhalb der Sowjetunion von der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik an die Ukrainische SSR übertragen. Formal war dies damals eine Verwaltungsentscheidung innerhalb desselben Staates. Nach 1991 erhielt dieser Schritt jedoch eine völlig neue politische Bedeutung.
Unabhängigkeit, Orange Revolution und Maidan
Als die Sowjetunion zerfiel, erklärte die Ukraine am 24. August 1991 ihre Unabhängigkeit. Beim Referendum am 1. Dezember stimmten rund 90 Prozent der Teilnehmenden dafür. Dieser breite Rückhalt zeigte, dass die Eigenstaatlichkeit nicht nur ein Projekt einzelner Nationalisten war, sondern von großen Teilen der Bevölkerung getragen wurde.
Der Aufbau des neuen Staates blieb schwierig. Die Ukraine musste eine Armee, eine Verwaltung und ein Wirtschaftssystem aus sowjetischen Strukturen entwickeln. 1994 gab sie ihre auf ihrem Gebiet stationierten Atomwaffen ab. Im Gegenzug erhielt sie im Budapester Memorandum politische Sicherheitszusagen, aber keine automatische militärische Beistandsgarantie. Diese Unterscheidung ist für die heutige Debatte über internationale Sicherheitsversprechen entscheidend.
| Jahr | Wendepunkt | Bedeutung |
|---|---|---|
| 1991 | Unabhängigkeit und Referendum | Gründung der modernen ukrainischen Republik |
| 1994 | Budapester Memorandum | Sicherheitszusagen nach dem Verzicht auf Atomwaffen |
| 2004 | Orange Revolution | Proteste gegen Wahlfälschung und für faire Neuwahlen |
| 2013 bis 2014 | Euromaidan | Politischer Machtwechsel und stärkere Orientierung nach Europa |
| 2014 | Annexion der Krim und Krieg im Donbas | Beginn des russisch-ukrainischen Krieges |
| 2022 | Russischer Großangriff | Ausweitung des Krieges zu einem gesamteuropäischen Sicherheitskonflikt |
Die Orange Revolution von 2004 entstand nach einer umstrittenen Präsidentschaftswahl. Massenproteste führten zu einer Wiederholung der Stichwahl. Für mich liegt ihre historische Bedeutung weniger im späteren politischen Erfolg einzelner Akteure als in der gesellschaftlichen Botschaft: Viele Ukrainer akzeptierten Wahlmanipulationen nicht mehr als unvermeidlichen Teil der Politik.
Ende 2013 setzte Präsident Wiktor Janukowytsch die Unterzeichnung eines geplanten Abkommens mit der Europäischen Union aus. Daraus entwickelte sich der Euromaidan. Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen floh Janukowytsch im Februar 2014 aus dem Land. Russland annektierte anschließend völkerrechtswidrig die Krim und unterstützte bewaffnete Kräfte im Donbas. Die Minsker Vereinbarungen konnten den Konflikt nicht dauerhaft lösen.
Warum die ukrainische Geschichte internationale Politik prägt
Die heutige Auseinandersetzung betrifft weit mehr als eine bilaterale Beziehung. Im Zentrum stehen Souveränität, territoriale Integrität und das Recht eines Staates auf eigene Bündnisse. Russland begründet seine Politik unter anderem mit historischen, sprachlichen und sicherheitspolitischen Argumenten. Diese Argumente erklären, warum der Konflikt entstanden ist, rechtfertigen aber keine gewaltsame Grenzverschiebung.
Ein verbreiteter Irrtum besteht darin, die Ukraine als künstliches oder erst 1991 erfundenes Land zu betrachten. Richtig ist, dass ihre heutigen Grenzen und Institutionen im 20. Jahrhundert entstanden. Falsch wäre jedoch die Vorstellung, es habe vorher keine ukrainischen politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Traditionen gegeben. Beide Aussagen lassen sich gleichzeitig halten.
Ebenso verkürzt ist die Behauptung, die Ukraine sei kulturell vollständig einheitlich. Regionen unterscheiden sich in Sprachgebrauch, Religionszugehörigkeit und historischen Erfahrungen. Daraus folgt aber nicht automatisch eine politische Zugehörigkeit zu Russland. Mehrsprachigkeit und staatliche Loyalität sind zwei verschiedene Dinge.
Für Deutschland hat diese Entwicklung eine unmittelbare Bedeutung. Die Ukraine liegt an einer geopolitischen Schnittstelle zwischen EU, Russland und dem Schwarzen Meer. Fragen der Energieversorgung, der europäischen Verteidigung, der Getreideexporte und der Aufnahme von Geflüchteten haben gezeigt, dass der Konflikt nicht auf Osteuropa begrenzt bleibt.
Die Europäische Union verlieh der Ukraine im Juni 2022 den Kandidatenstatus. Im Juni 2024 wurden die Beitrittsverhandlungen eröffnet. Das ist kein schneller Weg in die EU, sondern ein langwieriger Prozess, der Rechtsstaatlichkeit, Verwaltungsreformen und den Wiederaufbau staatlicher Strukturen voraussetzt. Gerade hier zeigt sich, dass internationale Politik nicht nur aus Gipfelerklärungen besteht, sondern auch aus mühsamer institutioneller Arbeit.
Auch die Erinnerungspolitik gehört zur Außenpolitik. Der Holodomor, der Zweite Weltkrieg, die sowjetische Herrschaft und die Ereignisse von 2014 werden in Russland, der Ukraine und Europa unterschiedlich erzählt. Wer diese Erinnerungskonflikte ignoriert, versteht viele politische Reden und gesellschaftliche Reaktionen nur oberflächlich.
Ein historischer Maßstab für die Gegenwart
Die Geschichte der Ukraine lässt sich nicht auf eine einzige nationale Erzählung reduzieren. Sie ist geprägt von der Kiewer Rus, litauischen und polnischen Herrschaftsformen, dem Kosaken-Hetmanat, dem Russischen und Habsburgischen Reich, sowjetischer Gewalt und einem eigenständigen politischen Neubeginn seit 1991.
Für die Einordnung der Gegenwart halte ich drei Punkte für besonders wichtig. Erstens besitzt die Ukraine eine eigene historische Entwicklung, auch wenn sie eng mit der Geschichte Russlands, Polens und Europas verflochten ist. Zweitens erklären historische Verbindungen keine modernen Herrschaftsansprüche. Drittens entscheidet sich an der Ukraine, ob Grenzen in Europa durch Recht oder durch Gewalt verändert werden dürfen.
Wer diese drei Linien im Blick behält, erkennt den Krieg nicht nur als aktuellen Konflikt, sondern als Auseinandersetzung um Staatlichkeit, Erinnerung und die politische Ordnung Europas.
