Wer die deutsche Besatzungspolitik in der Ukraine verstehen will, stößt schnell auf das Reichskommissariat Ukraine. Dahinter stand keine normale Zivilverwaltung, sondern ein Herrschaftsapparat, der zwischen 1941 und 1944 politische Kontrolle, wirtschaftliche Ausbeutung, rassistische Verfolgung und millionenfachen Zwang miteinander verband. Ich zeige, welche Gebiete betroffen waren, wie die Verwaltung funktionierte und warum ihre Geschichte für die internationale Politik bis heute relevant ist.
Die wichtigsten Fakten zur deutschen Besatzungsherrschaft
- Gründung: Am 1. September 1941 errichtete das Deutsche Reich die zivile Besatzungsverwaltung.
- Leitung: Reichskommissar war der NS-Politiker Erich Koch, Verwaltungssitz war Rowno, das heutige Riwne.
- Zweck: Die Ukraine sollte politisch unterworfen und als Rohstoff-, Getreide- und Arbeitskräftereservoir ausgebeutet werden.
- Verbrechen: Holocaust, Massenerschießungen, Hungerpolitik, Deportationen und Zwangsarbeit prägten den Alltag.
- Ende: Mit dem Vormarsch der Roten Armee brach die Verwaltung ab 1943 zusammen; 1944 war die Region wieder unter sowjetischer Kontrolle.

Was das Reichskommissariat politisch bedeutete
Die deutsche Führung schuf das Gebiet wenige Monate nach dem Angriff auf die Sowjetunion. Formal handelte es sich um eine zivile Verwaltung. In der Praxis war sie Teil eines Besatzungs- und Vernichtungssystems, das eng mit Wehrmacht, SS, Polizei und Geheimdiensten zusammenarbeitete.
An der Spitze stand Erich Koch. Er war kein moderater Verwaltungsbeamter, sondern ein überzeugter Nationalsozialist, der die ukrainische Bevölkerung ausdrücklich als untergeordnete Arbeits- und Nutzbevölkerung behandelte. Eine eigenständige ukrainische Staatlichkeit war von Berlin nicht vorgesehen. Ukrainische Hoffnungen, die deutsche Invasion könne zur Unabhängigkeit führen, wurden deshalb sehr schnell enttäuscht.
Ich halte diese Unterscheidung für entscheidend, weil der Begriff „Reichskommissariat“ leicht nach gewöhnlicher Bürokratie klingt. Tatsächlich verband die Behörde Kolonialpolitik, Rassenideologie und wirtschaftliche Planung. Rechtssicherheit, politische Mitsprache und der Schutz der Bevölkerung existierten unter diesen Bedingungen nicht.
Welche Gebiete zur Verwaltung gehörten
Das Gebiet umfasste große Teile der von Deutschland besetzten Ukraine, aber nicht das gesamte ukrainische Territorium. Die Grenzen blieben zudem militärisch und politisch beweglich. Einige Regionen standen unter deutscher Militärverwaltung, andere wurden von Rumänien oder Ungarn kontrolliert.
| Region oder Gebiet | Besatzungsstatus | Warum die Unterscheidung wichtig ist |
|---|---|---|
| Zentral- und Nordukraine | Große Teile des Reichskommissariats | Hier wurde die zivile deutsche Verwaltung besonders umfassend aufgebaut. |
| Galizien | Teil des Generalgouvernements | Die Verwaltung unterstand nicht dem Reichskommissar in Rowno. |
| Transnistrien | Rumänische Besatzungszone | Rumänien kontrollierte das Gebiet zwischen Dnister und Südlichem Bug. |
| Frontnahe Gebiete und Teile des Südens | Militärverwaltung oder wechselnde Kontrolle | Die zivile Verwaltung konnte dort oft nur eingeschränkt handeln. |
Der Verwaltungssitz lag in Rowno, heute Riwne. Unterhalb des Reichskommissars arbeiteten regionale Generalkommissare und Gebietskommissare. Sie griffen auf lokale Behörden zurück, doch diese hatten kaum eigenen politischen Spielraum. Ukrainische Bürgermeister, Polizisten und Verwaltungsangestellte konnten eingesetzt werden, ihre Aufgaben bestanden jedoch vor allem darin, deutsche Befehle durchzusetzen.
Auch Kiew war ein zentraler Ort deutscher Herrschaft und nationalsozialistischer Gewalt. Die Holocaust Encyclopedia beschreibt, dass die Stadt nach ihrer Eroberung in das Besatzungsgebiet eingegliedert wurde. Die Massenerschießungen von Babyn Jar am 29. und 30. September 1941, bei denen mehr als 33.000 jüdische Menschen ermordet wurden, zeigen besonders deutlich, wie eng Verwaltung, Polizei und Vernichtungspolitik zusammenwirkten.
Warum die Ukraine wirtschaftlich ausgebeutet wurde
Die deutsche Führung betrachtete die Ukraine vor allem als wirtschaftliche Beute. Getreide, Kohle, Industrieanlagen und landwirtschaftliche Erzeugnisse sollten die deutsche Kriegswirtschaft versorgen. Hinter dieser Politik stand die Vorstellung, dass die Bevölkerung der besetzten Gebiete zugunsten des Deutschen Reiches Opfer bringen müsse.
Die Folge waren Zwangsablieferungen, Beschlagnahmungen und Hunger. Lebensmittel wurden aus Dörfern und Städten abtransportiert, während die lokale Bevölkerung unter Versorgungsmangel litt. Besonders hart traf es städtische Einwohner, Kriegsgefangene und Menschen, die von der deutschen Verwaltung als politisch oder rassisch unerwünscht eingestuft wurden.
Ebenso wichtig war die Arbeitskraft. Mehr als zwei Millionen Menschen aus der Ukraine wurden im Verlauf des Krieges zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich verschleppt. Viele wurden bei der Anwerbung getäuscht, andere unter Gewalt oder massiver Drohung deportiert. Die Arbeitsbedingungen waren häufig lebensgefährlich, die Ernährung unzureichend und die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt.
In meinen Augen wird dieser wirtschaftliche Aspekt oft zu knapp behandelt. Die Besatzung war nicht nur eine militärische Operation und auch nicht nur ein ideologisches Projekt. Sie sollte konkreten materiellen Nutzen bringen. Gerade diese Verbindung von Hunger, Rohstoffraub und Zwangsarbeit erklärt, warum die deutsche Herrschaft für so viele Menschen unmittelbar den Verlust von Besitz, Sicherheit und Familienangehörigen bedeutete.
Terror, Holocaust und Alltag unter der Besatzung
Die nationalsozialistische Gewalt richtete sich gegen mehrere Gruppen zugleich. Jüdische Menschen wurden systematisch registriert, enteignet, in Ghettos gezwungen und anschließend erschossen oder deportiert. Roma, sowjetische Kriegsgefangene, Menschen mit Behinderungen, politische Gegner und zahlreiche Zivilisten wurden ebenfalls verfolgt und ermordet.
In der Ukraine nahm der Holocaust vielfach die Form von Massenschießungen an lokalen Tatorten an. Einsatzgruppen, SS- und Polizeieinheiten sowie Hilfskräfte ermordeten die Opfer häufig in Schluchten, Wäldern oder am Rand von Städten. Babyn Jar ist das bekannteste Beispiel, aber keineswegs das einzige.
Der Terror beschränkte sich nicht auf große Massaker. Geiselnahmen, öffentliche Hinrichtungen, Brandstiftungen und Kollektivstrafen gehörten zum Besatzungsalltag. Wer Widerstand leistete oder nur der Unterstützung von Partisanen verdächtigt wurde, konnte verhaftet, gefoltert oder getötet werden.
Ein besonders bedrückendes Beispiel ist das Arbeitserziehungslager Syrez bei Kiew, das von Mai 1942 bis Oktober 1943 bestand. Dort wurden Juden, sowjetische Kriegsgefangene, politische Verdächtige und andere Zivilisten unter brutalsten Bedingungen zur Arbeit gezwungen. Häftlinge mussten später sogar bei der Beseitigung der Spuren von Babyn Jar helfen, indem sie Massengräber öffneten und die Leichen verbrannten.
Diese Praxis zeigt, wie das Regime mit seinen eigenen Verbrechen umging. Es ging nicht nur um Mord, sondern auch um die Kontrolle der Erinnerung und die Vernichtung von Beweisen. Die Besatzungsmacht wusste, dass ihre Taten später politisch und juristisch relevant sein würden.
Widerstand, Kollaboration und die Grenzen deutscher Kontrolle
Die deutsche Herrschaft war von Anfang an auf Zwang angewiesen. In vielen Regionen bildeten sich sowjetische Partisanengruppen und lokale Untergrundnetzwerke. Sie sabotierten Bahnlinien, griffen Besatzungseinheiten an, sammelten Informationen und unterstützten versprengte Soldaten der Roten Armee.
Daneben gab es ukrainische nationalistische Bewegungen, die zunächst auf eine Schwächung der sowjetischen Herrschaft hofften. Einige Gruppen kooperierten zeitweise mit den Deutschen, andere gerieten bald selbst in Konflikt mit Berlin. Die Beziehungen waren deshalb nicht einfach in „prodeutsch“ und „prosowjetisch“ zu teilen. Nationalistische, antisowjetische und antideutsche Ziele konnten sich überschneiden oder nacheinander verändern.
Auch die lokale Verwaltung war widersprüchlich. Manche Menschen arbeiteten unter Druck für deutsche Behörden, andere versuchten, ihre Familien zu schützen oder kleine Handlungsspielräume zu nutzen. Das macht Kollaboration nicht automatisch zu Widerstand, erklärt aber, warum eine reine Schwarz-Weiß-Erzählung der Besatzung zu kurz greift.
Die deutsche Kontrolle blieb zudem lückenhaft. Je weiter die Front nach Westen und Norden rückte, desto stärker musste sich die Verwaltung auf Polizei, Militär und lokale Hilfskräfte stützen. Die scheinbare Ordnung der Behörden verdeckte daher eine Herrschaft, die in vielen Dörfern und Waldgebieten nur unvollständig durchgesetzt werden konnte.
Wie und wann die deutsche Herrschaft zusammenbrach
Der Wendepunkt kam mit dem sowjetischen Vormarsch nach der Schlacht von Stalingrad. 1943 verlor Deutschland zunehmend die Kontrolle über die besetzten Gebiete. Kiew wurde am 6. November 1943 von der Roten Armee zurückerobert. Danach mussten deutsche Behörden, Polizei und wirtschaftliche Einrichtungen immer weiter nach Westen ausweichen.
Beim Rückzug zerstörten deutsche Einheiten Infrastruktur, Fabriken, Brücken und Vorräte. Diese Politik der verbrannten Erde verschärfte die Not der Bevölkerung noch einmal. Gleichzeitig wurden Gefangene, Zwangsarbeiter und zurückgelassene Menschen in die chaotischen Rückzugsbewegungen hineingezogen.
Bis 1944 war die zivile deutsche Verwaltung in der Ukraine praktisch beendet. Das bedeutete jedoch nicht, dass die Folgen verschwanden. Millionen Menschen waren ermordet, deportiert, verwundet oder entwurzelt worden. Dörfer und Städte lagen in Trümmern, während die sowjetische Rückkehr neue Repressionen und politische Säuberungen mit sich brachte.
Warum dieses Kapitel für Europa bis heute wichtig bleibt
Die Geschichte des Reichskommissariats lässt sich nicht auf eine Fußnote des Ostkriegs reduzieren. Sie zeigt, wie schnell eine Besatzungsmacht staatliche Verwaltung in ein Instrument von Rassismus, Ausbeutung und Vernichtung verwandeln kann. Gerade deshalb gehört das Thema in die politische Bildung und in jede ernsthafte Auseinandersetzung mit deutscher Außen- und Sicherheitspolitik.
Für mich liegt die wichtigste Lehre in der Verbindung von Sprache und Praxis. Begriffe wie Verwaltung, Neuordnung oder wirtschaftliche Nutzung konnten harmlos klingen, während dahinter Enteignung, Zwangsarbeit und Mord standen. Wer die internationale Politik der Gegenwart verstehen will, sollte deshalb nicht nur auf Grenzen und Regierungen schauen, sondern auch darauf, wie Besatzung, Ressourceninteressen und Ideologie zusammenwirken.
Die deutsche Herrschaft in der Ukraine endete militärisch, aber ihre menschlichen und politischen Folgen reichen weit über 1944 hinaus. Eine sachliche Erinnerung muss dabei beides leisten: die Verbrechen klar benennen und zugleich die unterschiedlichen Erfahrungen von Opfern, Mitwirkenden, Widerständlern und Überlebenden auseinanderhalten.
