Flughafen Frankfurt als Superspreader?

Bevor ich auf das Thema Flughafen Frankfurt als Superspreader (dtsch.: Superverbreiter von Infektionen) zu sprechen komme, werfen wir zunächst einen kurzen Blick auf die davorliegenden Ereignisse:

23. Januar 2020: Die Millionenmetropole Wuhan sowie die Region Hubei werden durch die chinesische Regierung unter strenge Quarantäne gestellt. Bilder und Berichte in den Nachrichten zeigen uns medizinisches Personal und Sicherheitskräfte in Ganzkörperanzügen, ganze Straßenzüge und Gebäude werden desinfiziert. Kein Bürger ist auf der Straße unterwegs, niemand darf seine Wohnung verlassen.

31. Januar 2020: USA verhängen Einreisestopp für alle Ausländer, die in den vergangenen zwei Wochen in China waren, was praktisch ein Landeverbot für Passagiermaschinen aus China darstellt.

21. Februar 2020: In Norditalien werden mehrere Gemeinden mit insgesamt rund 50.000 Bürgern abgeriegelt. Mit Einrichtung der Zonas Rossas soll die Verbreitung des Coronavirus nach Mailand und Padua verhindert werden. Polizei und Carabinieri kontrollieren die Zufahrtsstraßen, die Menschen in der Sperrzone werden über sogenannte sterile Korridore mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt. Alle Feste und Umzüge im Zusammenhang mit dem Karneval in Venedig werden vorzeitig beendet.

05. März 2020: Island klassifiziert Ischgl/Tirol als Risikogebiet.

08. März 2020: Die Lombardei und Teile Venetiens werden zu Sperrgebieten erklärt.

09. März 2020: Ganz Italien wird zum Sperrgebiet erklärt, einer der schärfesten Lockdowns in Europa beginnt.

10. März 2020: In Österreich treten weitgehende Reisebeschränkungen inkl. Landeverbote für Passagiermaschinen aus Norditalien, Iran und Südkorea in Kraft. Ab 13. März befindet sich das Land im Lockdown.

11. März 2020: USA verhängen Einreisestopp für Menschen aus Kontinental-Europa.

13. März 2020: In Spanien wird der Alarmzustand einhergehend mit einer landesweiten Ausgangssperre ausgerufen.

17. März 2020: Frankreich verhängt einen landesweiten Lockdown.

Das ist naturgemäß nur ein Bruchteil dessen, was uns aus den ersten Monaten des Jahres 2020 eindrucksvoll im Gedächtnis bleibt. Warum schreibe ich das ausgerechnet heute? Am 09. Juli wurde nach knapp vier Monaten meine Kleine Anfrage zu den Zuständen am Frankfurter Flughafen im März dieses Jahres durch das Hessische Sozialministerium beantwortet.

Wir erinnern uns: Noch am 16. März 2020 kamen Passagierflüge aus Italien, Spanien, Frankreich, China, Südkorea und Iran in Frankfurt an. Die ankommenden Menschen aus diesen Hochinfektionsländern wurden weder von anderen Ankommenden separiert und schon gar nicht in Quarantäne geschickt. Sie konnten vielmehr ungehindert den Flughafen verlassen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln innerhalb Deutschlands weiterreisen. Die einzige „Sicherheitsmaßnahme“, die ergriffen wurde, waren sogenannte Aussteigerkärtchen, auf denen die Menschen u.a. ihren Aufenthaltsort und Kontaktmöglichkeit eintragen sollten.

Durch die Aussage des Bundesgesundheitsministers in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Bayrischen Ministerpräsidenten am 17.03.2020, wonach „die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland wie auch in Dänemark „viel zu tun“ habe mit der Rückkehr zahlreicher Urlauber aus den Skigebieten in Südtirol, Österreich und der Schweiz“ wurde indes klar, dass ein Zusammenhang zwischen Einreisen/Rückreisen, ganz gleich auf welche Art, aus Risikogebieten und die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland den Behörden durchaus bekannt war und von ihnen auch verstanden wurde.

Vorausschauend gehandelt wurde trotzdem nicht. Im Rückblick wurden eher politische Entscheidungen getroffen, als solche, die epidemiologisch nachvollziehbar ausschließlich dem Schutz der Bevölkerung gedient hätten. Während die deutsche Bevölkerung ab 16. März mit Schulschließungen sowie Kontaktbeschränkungen, dem Herunterfahren nahezu der gesamten Wirtschaft, Gastronomie, Sport und Kultur, einschließlich aller Folgen bis hin zur Existenzbedrohung vieler Bürger leben musste, konnten mögliche infizierte Personen ungehindert über die Flughäfen einreisen. Eine Studie des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel legt nahe, dass es ohne deutsche Urlauber in Ischgl hierzulande nur halb so viele SARS-CoV-2-Infizierte gegeben hätte. Das gilt natürlich auch für alle weiteren „importierten“ Fälle aus den anderen Risikogebieten, die viel zu lange ungehindert einreisen konnten.

Die Antwort auf meine „Kleine Anfrage Flughafen Frankfurt“ empfinde ich als Armutszeugnis für ein Landesministerium. Man zieht sich bezüglich der Behandlung von ankommenden Menschen am Flughafen Frankfurt auf internationale Vorschriften zurück, die anscheinend in dieser Form aber nur für Deutschland Wirksamkeit hatten. Am 31. März seien Passagierflüge aus dem Iran „nach der Anordnung des Bundesministeriums für Gesundheit vom 31. März 2020 auf Grundlage von § 5 Infektionsschutzgesetz untersagt“ worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte Deutschland bereits über 65.500 SARS-CoV-2-Infizierte und 665 Covid-19-Tote zu beklagen. Es wurde reagiert, als eine Nachverfolgung und Unterbrechung der Infektionsketten nicht mehr möglich war. Keine Antwort gab es indes zu den von mir ebenfalls erfragten Flügen aus China und anderen Risikogebieten im März.

Nur nebenbei erwähnt sei, dass das Hessische Ministerium für Soziales und Integration alle von mir im Originaltext meiner Kleinen Anfrage angegebenen Quellennachweise in seiner Beantwortung entfernt hat.

Meine Originalanfrage sowie die Beantwortung durch das Hessische Sozialministerium können Sie unter dem Menüpunkt „Parlamentarische Initiativen“ und den Unterpunkten „Anfragen“ und „Beantwortete Anfragen“ nachlesen. Ich freue mich auf Rückmeldungen oder Anmerkungen zu meinen Ausführungen.

Ich freue mich auf Rückmeldungen oder Anmerkungen zu meinen Ausführungen.

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