Grundschullehrkräfte schlagen Alarm

Am 13. November 2019 demonstrierten Grundschullehrkräfte im fünften Jahr in Folge hessenweit für bessere Arbeitsbedingungen. Neben ihrer Forderung nach Angleichung der Besoldung, Grundschullehrkräfte werden in Hessen nach A12 besoldet, während die Lehrkräfte an weiterführenden Schulen in A13 eingruppiert sind, wurde der Fokus ebenfalls auf die hohe Zahl der Pflichtstunden und die enorme Arbeitsbelastung gelegt.

Bei einem Personalrätetreffen des Schulamtsbezirks Bergstraße/Odenwald am 20. November in Mörlenbach wurde einstimmig eine Resolution mit dem Titel „Arbeitsbedingungen verbessern, Entlastung schaffen“ verabschiedet. Die hohe Zahl der Pflichtstunden in Verbindung mit immer höheren Anforderungen wird auch hier deutlich thematisiert.

Verwundern kann und darf das niemanden!

Steigende Belastung durch sich in den vergangenen Jahren stark verändernde Bedingungen bringen Grundschullehrkräfte immer häufiger an ihre Grenzen. Die Folge sind hohe Krankenstände und Überlastungsanzeigen ganzer Schulen an die zuständigen Staatlichen Schulämter und das Kultusministerium. Im November wurden von 10 der 18 Grundschulen in Darmstadt Hilferufe in Form von Überlastungsanzeigen angekündigt. 2017 und 2018 hatten sich bereits Schulleitungen von Grundschulen aus Frankfurt, Darmstadt, Darmstadt-Dieburg und Offenbach an das Kultusministerium gewandt.

Schülerzahlen, die sich entgegen der Prognosen der Kultusministerkonferenz deutlich höher entwickelten, andauernder Lehrermangel, Umsetzung der Inklusion, Sprachförderung, Integration und dadurch zunehmend heterogenere und große Klassenverbände lassen die Belastung der Lehrkräfte an Grundschulen enorm steigen. Diese Belastung manifestiert sich nicht nur während der Unterrichtszeit. Außerhalb der Pflichtunterrichtsstunden fallen Aufgaben, wie Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, Vorbereitung und Korrektur von Klassenarbeiten, Konferenzen, Fortbildung, Klassenfahrten und Ausflüge, Eltern- und Schülergespräche, Abstimmung mit multi-professionellen Teams, insgesamt ein höherer Organisations- und Dokumentationsaufwand sowie Unterstützung von Lehrkräften ohne Lehramtsbefähigung an.

Derzeit unterrichten an Hessischen Grundschulen rund 1.500 Lehrkräfte ohne Lehramtsbefähigung, sogenannte Quereinsteiger, das macht rund 10 Prozent der Grundschullehrkräfte aus. Bei Quereinsteigern handelt es sich um berufsfremde Lehrkräfte ohne pädagogische Ausbildung und Fachkenntnisse. Diese können sich aus allen Berufsgruppen bis hin zu Personen mit erstem Staatsexamen rekrutieren oder auch Lehramtsstudenten sein. Einerseits kann mit dem Einsatz von Quereinsteigern der eklatante Lehrermangel und damit einhergehender Unterrichtsausfall etwas kompensiert werden, andererseits bedeutet er eben auch eine zusätzliche Belastung der regulären Lehrkräfte, da diese z. Bsp. bei der Vorbereitung von Unterricht und Unterrichtsinhalten, Benotung und Elterngesprächen unterstützen müssen.

Hessische Grundschullehrkräfte haben zudem mit wöchentlich 28,5 Unterrichtsstunden nicht nur die höchste Pflichtstundenzahl über alle Schulformen in Hessen hinweg, sie liegen damit bundesweit an der Spitze.

Verschärft wird die Situation der Grundschullehrkräfte zudem durch die steigende Anzahl von Schulen mit Ganztagsangeboten, was eine höhere Präsenzpflicht für Lehrkräfte, die in der Nachmittagsbetreuung eingesetzt werden, bedeutet.

An Grundschulen wird der Grundstein für eine erfolgreiche Bildungsbiografie und somit für das gesamte Leben unserer Schülerinnen und Schüler gelegt. Ein erfolgreicher Start unserer Schülerinnen und Schüler in ihr Schulleben kann nur mit Lehrkräften mit Lehramtsbefähigung, einfach ausgedrückt, durch Lehrkräfte mit pädagogischer Ausbildung und didaktischer Erfahrung, gelingen.

Da sich in absehbarer Zeit weder Schülerzahlen und Klassengrößen noch die Zusammensetzung der Klassenverbände ändern werden, ist eine deutliche Entlastung der Lehrkräfte nur auf dem Weg der Reduzierung der Pflichtstunden zu erreichen.

Dies steht dabei nur auf den ersten Blick in scheinbarem Widerspruch zum herrschenden Lehrermangel. Dem Lehrermangel, vor allem an Grundschulen, kann nur durch die Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufs begegnet werden.

Um einen qualitativ hochwertigen Unterricht unter Berücksichtigung der veränderten Herausforderungen gewährleisten zu können, muss das Interesse an einem Studium auf das Grundschullehramt und damit die Zahl der Studentinnen und Studenten erhöht werden, nur zusätzliche Studienplätze zu schaffen reicht bei weitem nicht aus. Mehr Studierende müssen sich von Anfang an für das Grundschul-Lehramt entscheiden, und diejenigen, die es tun, sich nicht während des Studiums umorientieren. Dazu müssen die Attraktivität und die Wertschätzung des Grundschul-Lehramts erheblich gesteigert werden.

Das erreicht man nur durch eine erhebliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Ein erster Schritt ist die Reduzierung der Pflichtstunden auf maximal 27,5 Stunden.

Der Einsatz von Quereinsteigern und/oder die Reaktivierung pensionierter Lehrkräfte kann nur kurzfristig für eine leichte und subjektive Entspannung sorgen.

Um die, nach der Reduzierung, zunächst fehlenden Lehrkräfte zu kompensieren, könnten u.a. in der Nachmittagsbetreuung an Schulen mit Ganztagsangebot z. Bsp. vermehrt die oben genannten Quereinsteiger, Studentinnen und Studenten, Bundesfreiwillige oder sonstige pädagogische Fachkräfte anstelle von Lehrkräften mit Lehramtsbefähigung eingesetzt werden.

Am 11. Dezember habe ich zum Thema Lehrermangel eine Rede im Landtag gehalten, die unter dem Menüpunkt „Meine Landtagsreden“ verlinkt ist.

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