Wer die Geschichte der Bundesrepublik verstehen will, kommt an Andreas Baader und der Roten Armee Fraktion nicht vorbei. Seine Biografie zeigt, wie aus der Radikalisierung der westdeutschen Protestbewegung eine terroristische Organisation entstand und warum die RAF den Staat in den 1970er-Jahren so stark herausforderte. Ich ordne die wichtigsten Stationen ein: vom Kaufhausbrand über die Baader-Befreiung bis zum Stammheimer Prozess und dem Deutschen Herbst.
Die wichtigsten Eckdaten zu Baader und der RAF auf einen Blick
- Rolle: Baader war Mitbegründer und eines der führenden Mitglieder der ersten RAF-Generation.
- Geburtsstunde der RAF: Seine gewaltsame Befreiung am 14. Mai 1970 gilt als entscheidender Gründungsmoment.
- Gewalt: 1972 war er an mehreren Bombenanschlägen und Banküberfällen beteiligt.
- Verhaftung: Am 1. Juni 1972 wurde er nach einem Schusswechsel in Frankfurt am Main festgenommen.
- Tod: Baader starb am 18. Oktober 1977 in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim.

Wer Baader war und welche Rolle er in der RAF spielte
Berndt Andreas Baader wurde am 6. Mai 1943 in München geboren. In der öffentlichen Wahrnehmung gilt er häufig als Kopf der RAF. Das greift allerdings zu kurz. Baader war vor allem der charismatische und gewaltbereite Aktivist, während Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof stärker für die ideologische und publizistische Seite der Gruppe standen.
Die RAF verstand sich selbst als revolutionäre Stadtguerilla. Tatsächlich entwickelte sie sich zu einer linksextremistischen Terrororganisation, die mit Bombenanschlägen, Entführungen, Morden und Banküberfällen politischen Druck ausüben wollte. Ich halte es für wichtig, diese Selbstbeschreibung der Gruppe klar von ihrer tatsächlichen Wirkung zu trennen: Die RAF bekämpfte nicht nur staatliche Institutionen, sondern nahm den Tod unbeteiligter Menschen bewusst in Kauf.
Baader war kein klassischer Theoretiker der westdeutschen Studentenbewegung. Seine Stärke lag in der Aktion, in persönlicher Ausstrahlung und in der Bereitschaft, Eskalationen voranzutreiben. Gerade diese Mischung machte ihn innerhalb der Gruppe einflussreich, führte aber auch zu Konflikten mit politisch stärker reflektierten Mitgliedern.
Vom Kaufhausbrand zur Entstehung der RAF
Die Radikalisierung begann nicht mit einer fertigen Terrororganisation. Sie entstand schrittweise aus Protesten gegen den Vietnamkrieg, gegen den Springer-Verlag, gegen die Notstandsgesetze und gegen die als autoritär empfundene westdeutsche Gesellschaft. Baader und Gudrun Ensslin gehörten zu jenen Aktivisten, die den Übergang von Demonstrationen zu direkter Gewalt vollzogen.
Am 2. April 1968 legten Baader, Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein in zwei Frankfurter Kaufhäusern Brandsätze. Es gab keine Verletzten, der Sachschaden lag jedoch bei rund 675.000 D-Mark. Das Gericht verurteilte die Beteiligten zu jeweils drei Jahren Zuchthaus. Für Baader war diese Tat ein entscheidender Schritt vom militanten Protest in die organisierte Kriminalität.
| Datum | Ereignis | Historische Bedeutung |
|---|---|---|
| 2. April 1968 | Kaufhausbrände in Frankfurt am Main | Erster großer Gewaltakt Baaders und seiner späteren Mitstreiter |
| 14. Mai 1970 | Gewaltsame Befreiung aus einer Haftvorführung in Berlin | Gilt als Geburtsstunde der RAF |
| 1972 | Bombenanschläge und Banküberfälle | Übergang zur offenen terroristischen Kampagne |
| 1. Juni 1972 | Festnahme in Frankfurt am Main | Ende seiner mehrjährigen Flucht |
Nach seiner Festnahme wurde Baader am 14. Mai 1970 mit Waffengewalt aus dem Deutschen Zentralinstitut für Soziale Fragen befreit. Ulrike Meinhof, Irene Goergens, Ingrid Schubert und ein weiterer Beteiligter waren an der Aktion beteiligt. Ein Mitarbeiter des Instituts wurde schwer verletzt. Dieser Moment gilt als der eigentliche Startpunkt der RAF.
Anschließend reiste Baader mit weiteren Untergetauchten in ein Ausbildungslager der palästinensischen Organisation Fatah in Jordanien. Dort erhielt die Gruppe eine militärische Ausbildung im Umgang mit Waffen und Sprengstoff. Nach ihrer Rückkehr verfügte die RAF über deutlich bessere organisatorische und technische Voraussetzungen für Anschläge.
Die Gewalt der ersten RAF-Generation
Im Frühjahr 1972 begann die RAF eine Serie von Anschlägen, die sie selbst als „Mai-Offensive“ bezeichnete. Ziele waren unter anderem Einrichtungen der US-Streitkräfte, Polizeibehörden und Personen aus Justiz und Politik. Bei den Anschlägen starben vier Menschen, mehr als 70 weitere wurden verletzt.
Baader war an mehreren dieser Taten beteiligt. Hinzu kamen Banküberfälle, Fahrzeugdiebstähle und Einbrüche, die der Finanzierung und Logistik der Gruppe dienten. Diese Mischung aus politischer Propaganda und gewöhnlicher Kriminalität wird oft unterschätzt. Ohne Geld, Waffen, Fahrzeuge und gefälschte Dokumente hätte die RAF ihre Anschläge nicht über Jahre hinweg organisieren können.
Am 1. Juni 1972 wurde Baader gemeinsam mit Jan-Carl Raspe und Holger Meins in Frankfurt am Main festgenommen. Der Festnahme ging ein etwa zweistündiger Schusswechsel voraus, bei dem Baader am Oberschenkel verletzt wurde. Für die Sicherheitsbehörden war dies ein wichtiger Erfolg, doch die RAF blieb auch aus dem Gefängnis heraus politisch handlungsfähig.
Meine Einordnung fällt hier eindeutig aus: Die RAF war keine romantische Widerstandsbewegung und auch kein bloßes Produkt staatlicher Repression. Politische Konflikte und gesellschaftliche Spannungen bildeten zwar den Hintergrund. Die Entscheidung für Bomben, Entführungen und Morde trafen jedoch die Mitglieder der Gruppe selbst.
Verhaftung, Stammheim-Prozess und Deutscher Herbst
Nach der Festnahme wurde Baader im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim inhaftiert. Der Prozess gegen ihn, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und weitere Angeklagte begann 1975 und dauerte fast zwei Jahre. Mit 192 Verhandlungstagen gehörte der Stammheimer Prozess zu den aufwendigsten Terrorismusverfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Am 28. April 1977 wurde Baader wegen vierfachen Mordes und 54-fachen Mordversuchs zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Das Urteil war zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht rechtskräftig, weil die Verteidigung Revision eingelegt hatte. Der Prozess machte zugleich sichtbar, wie stark die Angeklagten den Gerichtssaal als politische Bühne nutzen wollten.
Die zweite RAF-Generation versuchte unterdessen, die inhaftierte Führung freizupressen. Dazu gehörten die Geiselnahme von Stockholm 1975, die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und die Entführung des Lufthansa-Flugzeugs „Landshut“ im Jahr 1977.
Diese Ereignisse gingen als Deutscher Herbst in die Geschichte ein. Die Bundesregierung unter Helmut Schmidt blieb bei ihrer Entscheidung, nicht auf die Forderungen der Entführer einzugehen. Nach der Befreiung der Geiseln in Mogadischu verschärfte sich die Lage in Stammheim dramatisch.
Der Tod in Stammheim und die historische Einordnung
Am Morgen des 18. Oktober 1977 wurde Baader tot in seiner Zelle aufgefunden. Nach den offiziellen Untersuchungen erschoss er sich mit einer Pistole, die illegal in die Justizvollzugsanstalt gelangt war. In derselben Nacht nahmen sich auch Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe das Leben; Irmgard Möller überlebte ihren Suizidversuch.
Die Todesnacht von Stammheim löste jahrzehntelang Spekulationen über eine staatliche Tötung aus. Für solche Theorien gibt es jedoch keine belastbaren Belege. Die späteren Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass Baader und die anderen Gefangenen ihre Waffen selbst nutzen konnten. Wer die Ereignisse seriös beurteilen will, sollte zwischen offenen Fragen einzelner Haftdetails und der unbelegten Behauptung einer staatlichen Liquidierung unterscheiden.
Baaders Nachwirkung beruht weniger auf politischen Erfolgen als auf der medialen Macht des RAF-Mythos. Sein Name steht für einen Wendepunkt, an dem Teile der radikalen Linken den demokratischen Protest verließen und sich für Terrorismus entschieden. Genau darin liegt die historische Bedeutung seiner Biografie: Sie zeigt, wie politische Empörung in ein geschlossenes Weltbild kippen kann, in dem Gewalt nicht mehr als Grenze, sondern als angeblich notwendiges Mittel erscheint.
Was von Baaders Geschichte für die Zeitgeschichte bleibt
Die Geschichte Baaders sollte weder als Heldensaga noch als isolierte Kriminalgeschichte erzählt werden. Sie gehört in den Zusammenhang der westdeutschen Protestbewegung, des Kalten Krieges, des Vietnamkriegs und der angespannten innenpolitischen Lage der 1970er-Jahre. Gleichzeitig darf dieser Zusammenhang nicht zur Entschuldigung werden.
Für mich liegt die wichtigste Lehre in der Trennlinie zwischen legitimer Gesellschaftskritik und terroristischer Gewalt. Die RAF konnte reale Missstände ansprechen, verlor aber jede politische Glaubwürdigkeit, sobald sie Menschen ermordete und Entführungen als Mittel der Auseinandersetzung einsetzte. Baader war deshalb nicht der Ausdruck einer unvermeidbaren Entwicklung, sondern ein maßgeblicher Akteur einer bewussten Entscheidung.
